Großes Interesse an Entschleunigungs-Vortrag von Fritz Reheis in Dorfen

16.10.15 –

„Damit es kein Missverständnis gibt" - sagt Fritz Reheis gleich am Anfang - „wenn ich von Entschleunigung rede, dann meine ich nicht den Notarzt. Der soll so schnell wie möglich am Unfallort sein. Aber dem Autofahrer, zu dem der Notarzt fährt, hätte etwas weniger Tempo sicher gut getan." Leuchtet den ZuhörerInnen ein, die so zahlreich ins Dorfner Gasthaus am Markt gekommen sind, dass noch zusätzliche Bänke zwischen die Tischreihen gestellt werden mussten. Was übrigens auch den Referenten erstaunte, denn am Abend vorher hatte er im doch etwas größeren Stuttgart vor nur 20 Leuten gesprochen.

„Abschied vom Turbokapitalismus" lautet der Untertitel des Vortrags. Denn der Bamberger Politik-Professor macht gleich deutlich, dass es nichts nütze, so ein bisschen mehr Gelassenheit oder Gemütlichkeit einzufordern. Der heutige Stress, die extreme Beschleunigung in allen Lebensbereichen, sei nicht einfach durch eine falsche Lebensweise entstanden. Es sei vielmehr die Gesetzmäßigkeit des Kapitalismus, die diesen Turbo angeworfen habe. Früher, so Reheis, war der Zweck des Produzierens, dass man Bedürfnisse befriedigen wollte. Heute hingegen gehe es um die Vermehrung von Geld. Wie macht man möglichst schnell aus einem Euro oder Dollar zwei Euro, zwei Dollar. Nicht mehr die Versorgung der Menschen mit Gütern und Dienstleistungen stehe im Vordergrund, sondern die Steigerung des Firmenwertes, die Notierung an den Aktienbörsen.

Deshalb müsse in immer kürzerer Zeit immer mehr aus den Arbeitenden und auch aus dem kostenlosen Produktionsfaktor Umwelt herausgepresst werden. Um das System am Laufen zu halten, habe der Mensch nicht nur am Arbeitsplatz zu funktionieren. Er müsse konsumieren, und zwar auf Teufel komm raus. Genügsamkeit in Bezug auf den Konsum gelte heute als genauso schädlich wie Faulheit in der Arbeit. Weshalb die Lebenszeit des Menschen möglichst lückenlos als Arbeits- und Konsumzeit bewirtschaftet werden müsse.

Der Mensch also im Hamsterrad? Ja schon, meint der Wissenschaftler in der anschließenden Diskussion. „Aber die Hamster sind klüger als wir. Sie laufen nämlich im Hamsterrad nur so schnell wie sie wollen. Und wenn sie genug haben, gehen sie raus." Die meisten von uns könnten sich jedoch diesen „Luxus" unter den heutigen Arbeitsbedingungen nicht leisten. Nur gemeinsam bestünde eine Chance, diese zutiefst menschenfeindlichen Mechanismen zu durchbrechen. Sand ins Getriebe werfen – vielfältige Ansätze gebe es. Die Postwachstumsökonomie und auch die Gemeinwohlökonomie lieferten dazu interessante Gedanken.

Und man müsse wieder lernen, gemeinsam zu handeln. Beispielsweise in Gewerkschaften und Parteien. Kürzere Arbeitszeiten habe es schließlich schon gegeben, man habe sie sich nur wieder wegnehmen lassen. Das aber sei unsinnig in einem hochproduktiven Land wie Deutschland. „Denn", so resümiert Reheis, „bevor wir immer mehr produzieren und dies dann mit einem immer höheren Konsum verbrauchen müssen, ist es doch sinnvoller, weniger zu arbeiten und die Produktivitätsgewinne in freier Zeit auszuzahlen."

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